„Salon-Atmosphäre der 1920er-Jahre“

Erschienen in : Schirn Mag

Verfasser: Aufgezeichnet von Florian Leclerc

URL: http://www.schirn-magazin.de/interviews/salon-atmosphaere-wie-in-den-1920ern/



„Salon-Atmosphäre der 1920er-Jahre“

Sie ist das heimliche Highlight: Die samtrote Salon-Atmosphäre der Ausstellung „Surreale Dinge“ – Kuratorin Dr. Ingrid Pfeiffer im Gespräch mit Ausstellungsarchitekt Karsten Weber.

Wie kaum ein anderer Ausstellungsarchitekt versteht es Karsten Weber, sich auf ein Ausstellungsthema einzulassen und inhaltlich in historische und ästhetische Situationen einzudenken. Die Ausstellungsarchitektur für „Surreale Dinge. Skulpturen und Objekte von Dalí bis Man Ray“ ist nach „László Moholy-Nagy. Retrospektive“ und „Weltenwandler. Die Kunst der Outsider“ die dritte Arbeit des Düsseldorfers in der SCHIRN.

Ingrid Pfeiffer: Wie bist Du auf die Idee gekommen, die durchaus ungewöhnliche Ausstellungsarchitektur für „Surreale Dinge“ zu entwerfen?

Karsten Weber: Ausgangsmaterial war Bildmaterial surrealistischer Ausstellungen aus den 1920er- und 1930er-Jahren – zum Beispiel Aufnahmen von der „Exposition internationale du surréalisme“ 1938 in Paris. Daran haben wir uns orientiert. Ein durchdekliniertes Konzept wie den White Cube als Ausstellungsraum gab es damals noch nicht, die Ausstellungen waren sehr stark inszeniert und wirkten fast theatralisch. Den Künstlern ging es in Ausstellungen darum, ein Gesamtbild zu erzeugen, indem nicht das einzelne Werk im Vordergrund steht, oder ein Werk auf weißer Wand ästhetisiert wird, sondern es sollte eine Gesamtatmosphäre entstehen. Die Wahrnehmung des Besuchers und Betrachters sollte irritiert und verändert werden. Das war eine ganz bewusste Entscheidung.

Pfeiffer: In der Ausstellung 1938 in Paris waren die Wände dunkelrot gestrichen – hier verwenden wir eine dunkelrote Samttapete. Dort wurde ein Gesamtensemble entworfen mit Bildern, Objekten und Dingen, von denen man nicht wusste, darf man das jetzt anfassen, oder nicht. Dort gab es auch Geräusche und Gerüche. Das können wir in unserer Ausstellung nicht nachstellen. Aber wir wollen den Betrachter durch die Atmosphäre und die Haptik der Objekte in ein Ausstellungserlebnis einbeziehen, ihn verunsichern und zum Partizipieren einladen.

Weber: Bei der Vorbereitung zu „Surreale Dinge“ konnte ich sehr gut aus der Arbeitsweise der surrealistischen Künstler und auch deren Objekten erschließen, wie ich die Ausstellung gestalten wollte. Neben der „Exposition internationale du surréalisme“ 1938 in Paris dachte ich unter anderem an die Ausstellung „Surrealist Objects and Poems“ 1937 in der London Gallery. Wenn man sich diese Ausstellungen vor Augen führt, sieht man sehr klar, wie die Künstler mit der Wahrnehmung des Besuchers gearbeitet haben, was sie beabsichtigt haben und was ihrer Meinung nach passieren sollte. Genau so arbeiten wir auch.

Pfeiffer: Das Besondere an der Inszenierung von „Surreale Dinge“ ist, dass wir die Objekte erstmals nicht wie sonst üblich auf normalen Podesten oder unter Plexiglashauben präsentieren, sondern auf speziellen Möbeln. Oder sollte man sagen: Gegenstände, die an Möbel erinnern.

Weber: Unsere Möbel – halbrunde, schwarzen Tische, Vitrinen, Sockel, Schränkchen und Sideboards – sind eigentlich wie Modelle von Möbeln. Sie sehen zwar aus wie Möbel, aber beim näheren Betrachten merkt man, dass es eigentlich eher grobe Skizzen von Möbelstücken sind. Wir haben uns Innenarchitekturzeitschriften der 1920er-Jahre geholt und geschaut, mit welchem Mobiliar man damals gelebt hat. Das waren noch im wesentlichen traditionelle, bürgerliche Möbelstücke. Die haben wir dann so vereinfacht, dass nur die Grundformen übrig geblieben sind. Und diese Grundformen benutzen wir jetzt in der Ausstellung.

Pfeiffer: In unserer Ausstellung, die mehr als 180 Objekte von 51 Künstlern versammelt, widmet sich jeder Raum einem bestimmten Thema. Der erste Raum beschäftigt sich mit dem Körper: Fragment, Torso, Hände, Füße, Fetisch – und auch Erotik. Architektonisch und inhaltlich haben wir uns vorher Gedanken gemacht über Raumfolgen und Dramaturgie: Wie kann ich Inhalte so vermitteln, dass eine Ausstellung einen Anfang, Zwischenteil und einen bestimmten Endpunkt hat? Der Betrachter soll bei uns den Raum intuitiv verstehen, indem er ihn erlebt, abläuft, erspürt und begreift. Durch die freistehende Anordnung können die Objekte von allen Seiten betrachtet werden. Sie sollen so körperlich wahrgenommen werden wie nur möglich.

Weber: Wir haben versucht, in der SCHIRN sechs Räume zu schaffen, die in der Größe, Proportion und Atmosphäre an die bürgerlichen Salons der 1920er und 1930er erinnern. Unsere Samttapete, ein dunkelroter, auberginefarbener Stoff, erzeugt eine wohlige, gediegene Atmosphäre. Es gibt kein typisches Museumsmobiliar, etwa Vitrinen mit Acrylglashauben. Die surrealen Objekte werden auf Möbeln als Objektträger gezeigt, ohne dass wir Hauben verwenden. Die Möbel stehen wiederum auf Podesten – damit die Objekte geschützt sind.

Pfeiffer: Die SCHIRN ist zu einem gewissen Grad wie ein leeres Blatt, dass durch die Architektur immer neu beschrieben wird. Sie ist wie ein Chamäleon. Und die Architektur ist wirklich zentral für die adäquate Präsentation von Themen. Im Grunde ist die SCHIRN wie eine Matrize: Wir geben Inhalte vor, nach denen wir dann die Räume neu ausrichten – anders als in vielen Museen, wo Kunstwerke entsprechend der Raumfolge präsentiert werden.

Weber: In die einzelnen Zimmer gelangt man durch drei Meter breite Durchgänge. Dadurch ensteht eine Art Pause. Die Besucher können das Betreten des neuen Raumes bewusster wahrnehmen. Die eigene, persönliche Wahrnehmung wollen wir sensibilisieren – und wir wollen natürlich auch irritieren – so wie das in den historischen surrealen Ausstellungen intendiert war. Natürlich stellen wir nicht die Originalräume nach, aber wir versuchen, uns der Originalstimmung anzunähern.

Aufgezeichnet von Florian Leclerc, Schirn Mag, 20. April 2011