Rheinflügel

rheinfluegel_gruppenfoto_1999

Karsten Weber gründete 1999 in Düsseldorf mit anderen Absolventen der Klasse Baukunst an der Kunstakademie die Gruppe rheinflügel. rheinflügel verstand sich als Plattform, in der Ideen, Strategien und Projekte diskutiert und realisiert werden konnten.
Seit 2007 betreiben die ehemaligen Mitglieder der Plattform voneinander unabhängige Architekturbüros.

rheinflügel, Konsortium und die Arbeit am Bestand.

Guido Münch: Wir haben nie gesagt, was Konsortium ist. Es gab nur den Namen.

Karsten Weber: Wir haben nie sagen können, was rheinflügel ist. Es gab nur den Namen. Dabei haben wir zu Anfang durchaus versucht, zu einem gemeinsamen Manifest zu kommen: Wir gingen für eine Woche in Klausur, auf neutralem Territorium, in einem Kölner Hotelzimmer. In welchem wir alsbald feststellten, daß wir uns nicht im Mindesten auf irgendetwas einigen konnten. Mein Manifest war, pointiert gesagt: „Ich baue gar nicht.“ Allerdings gab es daneben noch sechs andere Manifeste – jeder hatte sein eigenes. Ein gemeinsames war für uns also offenbar nicht möglich.

Guido Münch: Wir haben auch versucht, einen gemeinsamen Text zu schreiben, fanden dann jedoch heraus, daß wir keinen einheitlichen Text schreiben können. Oder wollen. So hat dann jeder seinen eigenen Text geschrieben und vorgetragen. Ich habe dazu noch Musik von CDs abgespielt. Aber all das ergab dann ein schlüssiges Ganzes. Konsortium hat herausgefunden, daß wir aufeinander reagieren, auch und gerade auf das reagieren, was den jeweils anderen von uns unterscheidet, so daß eben das Differente ein Gemeinsames schafft. Unser kleinster gemeinsamer Nenner ist vielleicht der Widerspruch.

Karsten Weber: Wir sind dann vom Gedanken des theoretischen Manifests abgegangen, um uns in den Werken zu manifestieren. Für mich war rheinflügel dabei keineswegs eine kollektive Identität. Sondern eine Gemeinschaft, in der jeder seine eigenen Vorstellungen realisieren konnte, sei es alleine, sei es im Verbund mit anderen: Alles, was ein rheinflügel-Mitglied macht, ist rheinflügel. Umgekehrt definiert sich rheinflügel als Summe all dessen, was seine Mitglieder machen. Wir hatten keinen Überbau. Tatsächlich war rheinflügel mehr oder weniger ein Absolventen-Jahrgang des Aufbaustudiums „Baukunst“ an der Kunstakademie Düsseldorf. Wir haben uns als Gruppe konstituiert, um uns Gehör zu verschaffen. Wir wollten reden, und sei es durcheinander, damit man uns hörte, damit man uns wahrnahm.

Guido Münch: Wir haben uns für den Namen „Konsortium“ entschieden, weil es kein Begriff aus der Kunst, sondern aus der Wirtschaft ist. Also aus dem Reich des reinen Willens, denn Konsortium geht es ganz klar um Wettbewerbsverzerrung: Wenn die eigene Ambition größer ist als die eigene Kraft, braucht man die Gruppe. Der Vorteil jeder Gruppe ist zudem, daß sich Aufgaben verteilen lassen.

Karsten Weber: Ich sah rheinflügel auch als eine Art Urzelle, die sich selbst Vertrauen gibt.

Guido Münch: Sicherlich ist jede Gruppe auch eine Art Ersatzfamilie. Denn wenn man sich als Gruppe inszeniert, erzeugt man zweierlei: Geborgenheit nach innen. Und zudem Beunruhigung nach außen.

Karsten Weber: Vor zehn Jahren, als wir rheinflügel gründeten, ging es uns darum, der Welt zu zeigen, daß sie uns braucht. Daß sie uns zu brauchen hat. Daß unsere Generation die vorhergehende ablösen muß. Ich sah in rheinflügel die Möglichkeit, Druck auszuüben. Ich wollte ein eigenes Werk realisieren, und zwar im Kontext meiner Generation. Es gab es keine kollektive rheinflügel-Identität. Das Bild auf der ersten Mappe 2001, in der wir unsere Arbeiten dokumentiert haben, ist bedeutsam: Keiner sieht den anderen an, alle sind nur einzeln agierende Personen. Von außen wird rheinflügel gerne als Gruppe oder Büro gesehen und auch so angesprochen. („Wir sind von außen oft verbunden, wir sind von innen meist getrennt …“) Im Ergebnis gibt es aber heute wie damals einzelne rheinflügel-Identitäten mit unterschiedlichen Werken und Inhalten. In diesem Sinne, und allein in diesem Sinne, bin ich auch heute noch ein Teil von rheinflügel.
Wobei es in meiner Architektur primär ums Erkennen des Bestehenden geht. Um eine Auseinandersetzung mit dem Gewesenen, um die Arbeit am Bestand. Seinerzeit z.B., 2002 beim Umbau der Kunsthalle Düsseldorf, sagten wir uns: Seht doch, wie schön sie ist! Wir wollen sie nur aufräumen!

Guido Münch: Sicherlich ist die Auseinandersetzung mit dem Gewesenen immer von Bedeutung. Aber es geht mir nicht um den Versuch einer Wiederbelebung, sondern um den konkreten Beleg der Vitalität dieser Ideen auch in der Gegenwart. Ich will die Dinge, so wie sie sind, in den Raum stellen. Dabei lehne ich es ab, im Künstler ausschließlich etwas Kreatives, Freies, Einfallsreiches zu sehen. Das ist in seiner Klischeebeladenheit und Willkürlichkeit eine viel zu starke Einschränkung.

Auszug aus einem Gespräch zwischen Karsten Weber und Guido Münch (Konsortium). Verfasser: Martin Berke